
Das merke ich erst, als ich die kleine Treppe nach oben steige.
Richard Apherys Laden APHERY Schuhatelier liegt direkt am Römerberg – man betritt ihn ebenerdig, und dann geht man ein paar Stufen hinauf ins Atelier, dorthin, wo gearbeitet wird. Es riecht nach Leder, das Werkzeug und diverse Materialien liegen so, wie Dinge liegen, die täglich benutzt werden – ein Atelier, das arbeitet.
Richard Aphery kommt aus Nigeria, hat in Deutschland Schuhmachermeister gelernt und sich dann entschieden, es so zu machen: von Hand, mit alten Maschinen, mit echtem Leder – ausschließlich. Vierzehn bis sechzehn Wochen Wartezeit für ein Paar Maßschuhe. Er ruft an, wenn er noch nicht zufrieden ist. Frankfurt ist eine Stadt, die sich wenig Zeit nimmt. Richard Aphery schon.

Er schaut zuerst auf meine Schuhe. Dann sagt er, was er sieht:
„Guter Geschmack. Wenig Zeit. Oder wenig Geduld – noch nicht ganz sicher.“
— Richard Aphery
Ich sage nichts. Ich schaue auf meine Schuhe.
Wir reden über Schuhe und meinen eigentlich Haltung. Ein gut sitzender Schuh gibt Halt, sagt er – nicht nur dem Fuß. Dem ganzen Körper. Man steht anders. Man geht anders. Man nimmt mehr Raum ein, manchmal ohne es zu merken.
Als Schauspieler kenne ich das. Der Körper weiß Dinge, die der Kopf noch nicht denkt. Eine Figur entsteht manchmal an den Füßen, bevor sie im Kopf ankommt.

Am Ende, kurz bevor ich gehe, der Satz, den ich mitgenommen habe:
„Ob jemand ein Gentleman ist, sieht man nicht am Anzug. Man sieht es daran, wie er mit dem Kellner spricht. Oder mit dem Schuhmacher.“
— Richard Aphery
Ich denke an eine Kellnerin in Sachsenhausen. An einen Dienstag, an dem ich nicht aufgeschaut habe.
Ich schreibe den Satz auf. Nicht für das Buch.
Für mich.

