Ein Buchprojekt von Christoph Gérard Stein · In Entstehung
Das Projekt
Ein Schauspieler beobachtet Menschen, Gesten und Zwischentöne in einer Stadt, die selten innehält. Er besucht Schneider, Schuhmacher, Goldschmiede, Trainer – und stellt ihnen Fragen, die eigentlich über ihn selbst sind.
Was bedeutet Haltung in einer Zeit, die keine Zeit dafür hat? Was bleibt von einem Menschen, wenn alles wegfällt, womit er sich bis dahin definiert hat? Und: Ist er selbst ein Gentleman – oder nur jemand, der die Rolle gut spielt?
Auf seiner Vita steht: „Ein kultivierter Gentleman, dem man vertraut, bis der Riss im Lack sichtbar wird.“ Diesen Satz hat Christoph Gérard Stein selbst geschrieben. Er dachte lange, er beschreibe damit sein Rollenfach. Irgendwann fragte er sich, ob der Satz nicht auch etwas über ihn sagt.
„Ich wollte nicht über den Gentleman schreiben. Ich wollte verstehen, was der Riss bedeutet. In mir. In den Figuren, die ich spiele. In den Menschen, denen ich begegne.“
— Christoph Gérard Stein
„Ein Gentleman in Frankfurt“ ist ein Buch, das noch entsteht. Geplant sind 20 Begegnungen – mit Menschen in dieser Stadt, die täglich etwas tun, das mit Haltung zu tun hat, ohne es so zu nennen. Diese Seite zeigt erste Einblicke.
Begegnung I
leonid matthias
Sachsenhausen · Handgefertigte Mode · Seit 19 Jahren

Foto: Melina Johannsen
Ich betrat das Atelier von leonidmatthias mit dem Schritt eines Mannes, der weiß, wohin er geht. Das tue ich oft. Auf der Bühne nennt man das einen Auftritt. Im Leben nennt man es Selbstsicherheit. Der Unterschied ist kleiner, als man denkt.
Leonid schaute auf. Nicht sofort. Erst als er fertig war mit dem, was er gerade tat. Dieser kleine Moment – er kommt zu mir, wenn er bereit ist, nicht wenn ich es bin – setzte mich anders in den Raum.
Als Schauspieler bin ich dieser Blick. Hier war ich sein Objekt. Das war unangenehmer, als ich erwartet hatte.
Ich frage ihn, was er sieht, wenn jemand hereinkommt. Nicht die Kleidung, sagt Leonid. Die Haltung. Wie jemand einen Raum betritt.
Ich denke: Das sage ich auf der Bühne auch. Dann denke ich: Vielleicht sage ich es, weil ich es gelernt habe. Nicht weil ich es lebe.
Einige Tage nach dem Gespräch kommt eine Nachricht. Per WhatsApp, kurz, ohne Ankündigung:
„Ihr habt gefragt, wie ich Gentleman definiere. Ich habe das vor allem auf die Kleidung bezogen. Das ist Unfug. Einen Gentleman erkennt man an seiner Haltung, vor allem an seinem Umgang mit der Umwelt.“
— Leonid, per WhatsApp
📒 Gibt es eine Version von mir, die einen Raum betritt, ohne zu entscheiden, wie sie wirkt? Ich bin nicht sicher, ob ich diese Version noch kenne.
Begegnung IV
Stadtgold
Berliner Straße · Meistergoldschmiede · Christiane Kirchner & Paulina Hofmann

Foto: Edda Rössler
Ich trage keinen Schmuck. Das ist eine Entscheidung, die ich nie bewusst getroffen habe. Sie ist einfach entstanden. Vielleicht weil ein Schauspieler seinen Körper leer halten will – kein Accessoire, das die Figur stört. Vielleicht weil ich nicht wollte, dass etwas so Dauerhaftes über mich aussagt.
Beim Hineingehen schaue ich auf meine Hände. Keine Ringe. Keine Uhr. Nichts. Christiane Kirchner und Paulina Hofmann schauen ebenfalls kurz auf meine Hände, als ich eintrete.
Ich bemerke es. Und ich bemerke, dass ich es bemerke.
Paulina empfiehlt mir ohne Zögern einen Ring:
„Ich wäre ganz klar beim Ring. Bei dir würde ich eher warme Töne sehen, auch wegen der braunen Augen. Etwas mit ein bisschen mehr Statement. Das passt auch zu deinem Auftreten. Man braucht für bestimmte Schmuckstücke auch ein gewisses Standing. Man transportiert damit schließlich etwas.“
— Paulina Hofmann
Ich bin derjenige, der immer andere befragt. Jetzt wird mir gesagt, was zu mir passt. Das ist etwas irritierend und gleichzeitig interessant. Ich beschließe, nicht wegzuschauen.
Auf die Frage, was für sie ein Gentleman ist, antwortet Christiane Kirchner:
„Für mich ist ein Gentleman ein Mensch, dem man auf Augenhöhe begegnen kann, mit dem man sich unterhalten kann und der zuhört. Heute wird sehr viel darüber gesprochen, dass man auf sich selbst achten soll. Dabei geht manchmal ein bisschen verloren, dass man trotzdem auch nach den anderen schauen sollte.“
— Christiane Kirchner
📒 Auf dem Weg heraus schaue ich auf meine Hände. Noch immer keine Ringe. Aber ich denke jetzt anders darüber nach, warum nicht.
Zwischenspiel
Ein Spaziergang
Mainufer · Südbahnhof · Ohne Gesprächspartner

Frankfurt, Mainufer
Ich habe heute kein Interview. Keinen Termin. Niemanden, dem ich Fragen stellen kann.
Das ist seltsamer, als ich erwartet hatte.
Irgendwo zwischen der Alten Brücke und dem Eisernen Steg bleibe ich stehen und spreche leise einen Text, den ich kenne, seit ich ihn gespielt habe. Tomorrow, and tomorrow, and tomorrow. Gallus Theater, 2011. Macbeth, ins 21. Jahrhundert versetzt. Ein Radfahrer zieht vorbei, schaut kurz rüber. Ich höre auf.
Beobachtet werden ohne Publikum zu sein – das ist das Unangenehme am Üben in der Öffentlichkeit.
Dann sehe ich ihn. Ein älterer Mann in einem dunklen Anzug. Er geht langsam, aber nicht unsicher. Die Haltung stimmt. Schultern zurück, Kopf aufrecht. Der Gang eines Mannes, der weiß, wie man einen Raum betritt.
Er geht auf einen der Mülleimer zu, zieht mit der behandschuhten Hand eine leere Flasche heraus. Prüft sie. Steckt sie in den Beutel. Dann geht er weiter. Denselben Gang. Dieselbe Haltung.
Macbeth verliert im Laufe von fünf Akten alles. Aber er geht ihr entgegen. Er hält stand, obwohl er weiß, dass er verloren hat. Als ich die Rolle erarbeitete, war das meine einzige wirkliche Frage: Woraus besteht Würde, wenn nichts mehr da ist, das sie stützt?
Vielleicht ist das die eigentliche Frage dieses Buches. Nicht: Was macht einen Gentleman? Sondern: Was bleibt, wenn alles wegfällt, womit man sich bis dahin definiert hat?
📒 Der alte Mann mit dem Plastikbeutel hat Handschuhe getragen. Er hat sie angezogen, bevor er anfing. Das ist alles. Und das ist genug.
Das Buch entsteht
Geplant sind 20 Begegnungen mit Menschen in Frankfurt – Handwerker, Künstler, Trainer, Philosophen. Jedes Kapitel ist ein Gespräch, jedes Gespräch ist eine Frage, die Christoph an sich selbst zurückträgt.
Bisher geführte Gespräche: u.a. leonid matthias (Sachsenhausen), Richard Aphery (Römerberg), Eduard Behm (Osthafenpark), Christiane Kirchner & Paulina Hofmann (Stadtgold) – und ein imaginäres Gespräch mit Arthur Schopenhauer auf dem Frankfurter Hauptfriedhof.
Wer den Entstehungsprozess begleiten möchte:
@christophgerardstein_official auf Instagram · #HaltungImSpiel
Für Anfragen zum Buchprojekt:
christoph@christophstein.com
Fotos: Melina Johannsen · Presse: Edda Rössler · Konzeption: Christoph Gérard Stein
