
Einst saß Peter Zingler in seiner Küche, schaute auf den Laptop und sagte: „Hey Junge, mach weiter so.“ Es war einer der letzten Male, dass der Schriftsteller und Drehbuchautor Ausschnitte aus einem Film sah, der nach seinem Drehbuch „Neun Tode und ‘ne Hochzeit“ entstand. Das war Ende 2022. Kurz darauf starb er. Caspar Arnhold dreht seitdem weiter.
„Caskade“ hieß das Projekt im Arbeitstitel, ein Film, der sich seit fünf Jahren in Entstehung befindet und nun den endgültigen Titel „Wenn Träume Pferde wären“ trägt. Nun ist alles im Kasten und Arnhold werkelt am Feinschliff. Es ist ein Streifen in der Atmosphäre Frankfurts in den 1990er Jahren, als ein Mörder in wenigen Monaten acht Menschen mit einem Schlosserhammer ermordete – meist Obdachlose. Arnhold drehte ohne Förderung, ohne Studio, ohne Regelmäßigkeit. Immer dann, wenn Geld da war, trommelte er sein Team zusammen, und weiter ging’s. Dann mussten aber auch die Umstände passen, die Schauspieler Zeit haben. „Du musst immer wieder das Rad neu zum Drehen bringen“, sagt Arnhold. Das ist jetzt vorbei.
Zingler lernte Arnhold kennen, als der 13 Jahre alt war. Und zwar während eines Familienurlaubs im Schwarzwald. Zinglers damalige Partnerin Doris Lerche – Autorin, Mitgründerin der Frankfurter Romanfabrik – war eng befreundet mit Caspar Arnholds Mutter, der Autorin Cornelia Arnhold. Zingler schrieb damals an einem Tatort, brauchte jemanden, der ihm erklärte, wie Jugendliche reden. Teenager Caspar war sofort zur Stelle, denn er interessierte sich fürs Filmen. Kein Wunder: Sein Vater war Fotograf, Arnhold ist im Fotostudio aufgewachsen, hatte früh mit Kameras experimentiert. Aus diesem Treffen, wuchs über Jahre eine echte Freundschaft. Schließlich entstand daraus auch eine Arbeitsbeziehung. „Er hat mich immer und überall unterstützt“, sagt Arnhold über Zingler, „hat mich Produzenten vorgestellt, Kollegen. Ich würde ihn als Mentor bezeichnen.“
Dass Arnhold noch heute hinterm Objektiv arbeitet, war nicht unbedingt vorgezeichnet. Denn ursprünglich wollte er vor der Kamera stehen. Deshalb besuchte er die Schauspielschule und arbeitete als Darsteller. Bis er merkte, dass etwas nicht stimmte. Also schrieb er einen Kurzfilm und führte Zingler das Ergebnis vor. Der sagte: „Mach’“. So entstand „Full Stop“, der 2004 erschien. Komplett selbst finanziert. Und erfolgreich, denn er gewann den Deutschen Filmpreis in der Kategorie „Bester Kurzfilm“. Da lag es auf der Hand, etwas Längeres zu machen. Zingler schlug ihm das „Neun Tode“-Drehbuch vor. Sie versuchten, Förderung zu bekommen, scheiterten. Irgendwann sagte Arnhold: „Weißt du was, Peter – ich mache das jetzt selbst. Mit ganz kleinen Mitteln. Mit Leuten, die Bock drauf haben.“ Darauf Zingler: „Gut, dann mach mal.“
Vom Filmemachen allein kann Arnhold nicht leben, deshalb verdient der Vater einer Tochter seine Brötchen als Fotograf und Werberegisseur und hat ein Studio an der Bornheimer Landstraße. „Caskade“ entstand zwischen dem, was das Leben so dazwischenwirft. Da gibt es so einiges. Etwa, dass die Darstellerin Marie Cloos schwanger wurde. Andere zogen aus Frankfurt fort. Drehorte wurden abgesagt. Und natürlich das liebe Geld – vor allem der Mangel daran. Hinzu kamen noch gesundheitsbedingte Ausfälle. „Das sind immer so die Herausforderungen im Low-Budget Film“, sagt Arnhold.
Gedreht hat er in Unterführungen, Tunneln, stillgelegten Supermärkten, zuletzt in einem Waschsalon im Nordend. Hauptdarsteller, der Frankfurter Schauspieler Christoph Gérard Stein, der einen Kommissar spielt, der selbst Teil eines brüchigen Gefüges ist, sagt: „Wir sind in Ecken gekommen, da war ich vorher nie. Unterführungen, Hinterhöfe, Orte, die man sonst meidet. Plötzlich schaut man anders auf diese Stadt.“
Zum Film: Im Zentrum steht Hilde, gespielt von Susanne Fey. Sie ist eine ehemalige Investmentbankerin, die nach persönlichen Katastrophen auf der Straße lebt. Als der Serienmörder zuschlägt, gerät sie selbst unter Verdacht. „Alle Figuren haben Untiefen“, sagt Stein. „Auch meine. Und alle haben ein Geheimnis.“
Die Besetzung kommt aus Caspar Arnholds Umfeld. Mit Richard van Weiden, einem langjährigen Freund, mit dem er schon immer etwas machen wollte, hat alles angefangen. „Der ist einfach ein Brett. Mit ihm habe ich die erste Einstellung auf einem Feld bei Steinbach gedreht, sonst wäre nichts draus geworden“. Christoph Gérard Stein, den Arnhold kennt, weil sie einen gemeinsamen Werbespot gedreht haben, „ist eines der großen Talente dieser Stadt“, sagt Arnhold. „Er hat Charisma, eine enorme Präzision. Mit kleinsten Gesten erzählt er ganze Geschichten.“ Andere kamen über ein Schauspielstudio, das Arnhold in der Mainmetropole mit dem Schauspieler Kevin Silvergieter, der auch eine Rolle übernahm, gegründet hat. Das sei eine Art Trainingsraum für Schauspieler, die proben, sich austauschen, im Gespräch bleiben. Dort hat er viele beim Arbeiten gesehen – und gewusst, wer wohin passt.
Ob „Wenn Träume Pferde wären“ eine Hommage an Zingler sei, weiß Arnhold nicht. Die Dialoge, die Figuren – das ist Zingler. Er hat ein paar Rollen ergänzt, die ihm sinnvoll schienen. „Ich habe mit Peter so oft über dieses Projekt geredet“, erinnert er sich, „dass ich einfach das Gefühl habe, es auch für ihn fertig machen zu wollen.“ Zingler sei ein großartiger Autor gewesen, eine schillernde Figur in der deutschen Film- und Fernsehlandschaft, jemand, der anderen immer geholfen habe. „Vielleicht ist es einfach ein Andenken.“ENR
Quellenangabe: Frankfurter Neue Presse vom 08.07.2026, Seite 25

